Eisenwolf von Siri Pettersen – Auftakt der Fantasysaga Vardari

Mit Eisenwolf gelingt Siri Pettersen wieder ein fulminanter Auftakt einer High-Fantasy-Saga. Dabei liefert Pettersen eine bildgewaltige Szenerie, dunkle Geheimnisse, die die Charaktere antreiben, und vor allem eine starke und eigenwillige Protagonistin, die kein Blatt vor den Mund nimmt und stellvertretend für eine Gruppe mächtiger Frauen steht. Neben den typischen Fantasy-Elementen, wie Machtkämpfe, Intrigen und ein Hauch Magie, weiß Pettersen aber auch relevante Themen wie Angstzustände, Traumata und Süchte zu porträtieren. Auch Loyalität, Pflichten und Wünsche spielen eine große Rolle. Es sind die kleinen, feinen Details, die dieses Fantasywerk abheben und es auf eine abstrakte Weise doch so nachempfindbar und zugänglich machen.

Kleiner Hinweis: Sanfte Gemüter müssen aufpassen. Dieser Roman enthält explizite Sprache und ist nichts für Leute, die besonders empfindsam gegenüber Blut sind. 😅 Eeeek.

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Titel: Eisenwolf – Vardari Teil 1 | Autor: Siri Pettersen | Verlag: Arctis Verlag | Release: 18. März 2021 | Seiten: 544 | ISBN: 978-3-03880-042-2 |

„Sie tötete Wölfe nicht für Geld und keinesfalls wegen der Freude am Jagen. Sie tötete, weil sie musste. Weil die Welt aus den Fugen gehen würde, wenn sie damit aufhörte.”

aus ‚Eisenwolf‘ (S. 25)

Das Buch in einem Satz

Eisenwolf ist rauh, düster, facettenreich und ein bisschen dreckig – als würde man beim Lesen förmlich das Wolfsblut an sich kleben spüren.

Hinweis: Danke an den Arctis Verlag für die Bereitstellung des Rezensionsexemplars.

Eingefleischte Rabenringe-Fans erkennen Draumheim natürlich direkt wieder. Jetzt erfahren wir Leser:innen also, ob es wirklich so ist, wie es sich die Ymlinge vorstellen. 😅 Generell hatte ich während des Lesen immer wieder Flashbacks an die Rabenringe-Reihe, was mir sehr gut gefallen hat. Ich finde es super, wie Siri Pettersen die Verknüpfungen zwischen den Reihen hergestellt hat. Vermutlich würden mir beim zweiten Lesen noch mehr Parallelen bzw. Hinweise auffallen, die mir untergegangen sind. (Hinweis: Man muss keineswegs die Rabenringe gelesen haben, um sich an Eisenwolf heranzuwagen.) Es fühlt sich ein kleines bisschen wie nach Hause kommen an. ☺️

Die Handlung von Eisenwolf:

Juva will eine rote Jägerin werden – eine Ausbluterin – die all jene, die von der Wolfsseuche befallen sind, jagt und unschädlich macht. Doch das Schicksal meint es anders mit ihr. Als plötzlich ihre Mutter krank wird, soll Juva nach Hause zurückkehren und ihr Erbe als Blutleserin antreten. Nichts liegt ihr ferner, denn Juva hasst die Blutleserinnen. In ihren Augen sind sie bloß Scharlatane, die naiven Menschen mit ihrer Hellseherei das Geld abknöpfen. Mit ihrer Rückkehr überschlagen sich auf einmal die Ereignisse und das Leben ihrer Familie und das der anderen Blutleserinnen steht auf dem Spiel. Die Bedrohung sind die Vardari – die Ewigwährenden. Es beginnt eine rasante Jagd um ein dunkles Geheimnis und ein Kampf um Leben und Tod.

Düsterer Weltenbau und facettenreiche Story

Wenn Siri Pettersen eines kann, dann ist es ausgeklügelte Fantasy-Welten erschaffen. Dabei weiß sie vor allem Geschichten rund um die Mythologie einer Welt zu spinnen, um alles auszuschmücken und dem ganzen Leben einzuhauchen. Bei Eisenwolf ist es unter anderem das Märchen von den drei Schwestern, den ersten Blutleserinnen. Zwischendurch kann es an mancher Stelle etwas verwirrend werden, weil natürlich viele neue Informationen auf einen zukommen, aber das ist eben das Risiko bei ersten Bände einer Reihe. Insgesamt wird der Zugang zur geschaffenen Welt aber schon sehr leicht gemacht.

Besonders unterhaltsam sind die verschiedenen Storyebenen, von unterschiedlicher Größe, die bei Eisenwolf miteinander verwoben werden. So erfahren wir neben der Hauptstory um Juva und die Blutleserinnen auch bereits Hintergründe zu den Ewigwährenden, indem wir Nafraim in einigen Szenen begleiten. Da die Vardari (die Ewigwährenden) eine zentrale Schlüsselrolle in der Reihe spielen, ist das ein solider Grundstein, der im Roman für die Folgebände gelegt wird. Auch die Abschnitte, in denen Rugen im Fokus steht, werden immer wieder eingestreut, sodass die Neugier geweckt wird, inwiefern sein Charakter im weiteren Verlauf in die Story passen wird.

Mein wirklich einziger Kritikpunkt ist, dass es am Ende ganz schön schnell ging. Plötzlich haben sich die Geschehnisse so überschlagen und dann war… Ende? Fies. Wobei es ein ganz toller Cliffhanger ist – sofern die jemals toll sein können 😅 – der auf jeden Fall Lust auf mehr macht.

Getriebene Charaktere

Die Protagonistin Juva Sannseyr erleben wir direkt vom ersten Kapitel in Aktion: sie wirkt mürrisch, eigensinnig und stur, aber auch willensstark, clever und loyal gegenüber ihrer Gruppe von Wolfsjägern. Sie weiß, was sie will und insbesondere, was sie nicht will. Unter keinen Umständen möchte sie zurück nach Hause und das Erbe ihrer Mutter als Blutleserin antreten. Und doch folgt sie der Bitte ihrer Schwester, nach der kranken Mutter zu sehen, obwohl sie bereits vermutet, das dies ohnehin nur ein Trick sei, um sie zurück zu locken. Was mir an Juva ganz besonders gefällt, sind ihre nachvollziehbaren Makel. Sie ist keine Protagonistin, die perfekt ist oder versucht so zu wirken. Und Juva ist auch nicht die typische Fantasy-Protagonistin, á la “ich bin so eine gequälte Seele, habe so viele Probleme, aber eigentlich bin ich die Auserwählte und voll stark und kann alles”. Das ist sie nicht, nicht mal ansatzweise. Juva ist von einem Erlebnis, welches im Verlauf der Geschichte eine zentrale Rolle spielt, und dem Tod ihres Vaters stark traumatisiert. Genauer gesagt hält sie sich für den Tod ihres Vaters verantwortlich und leidet seitdem unter starkem Herzrasen und Panikattacken. Um dieses Herzrasen zu lindern, nimmt sie Reißdorn, eine Pflanze, die sie kaut oder als Tee aufgießt. 

“Juva war außerstande, sich zu beruhigen. Angst flimmerte in ihrer Brust und sie stand unsicher. Reißdorn. Ich brauche Reißdorn.

Ihre Hand fand die Gürteltasche, doch sie zögerte, wollte nicht, dass die anderen sie mit der Panik kämpfen sahen.”

aus ‚Eisenwolf‘ (S. 23)

Neben den Angstzuständen neigt sie außerdem zu Wutanfällen. Sie ist, vermutlich auf Grund ihrer Abhängigkeit von Reißdorn, extrem reizbar und geht schnell an die Decke. Dementsprechend flucht sie auch ziemlich häufig und es können schon mal die Fetzen fliegen. Vor dem Lesen sollte man sich dessen bewusst sein, dass das Buch über eine sehr explizite Sprache verfügt. Das ist vielleicht nicht für jede:n etwas, aber ich persönlich finde, dass es die Charaktere und die Situationen gut untermalt.
Juva ist ein schönes Beispiel einer starken Protagonistin, die nicht aufgibt, ihre Ziele zu verfolgen. So lässt sie nicht von ihrem Wunsch ab, in Broddmars Fußstapfen zu treten und eine Blutjägerin zu werden, auch wenn dieser es ihr immer wieder ausreden will.
Eisenwolf ist meiner Meinung nach zudem extrem facettenreich aufgebaut. Eine Szene, in der Juva mit der Gasthausbesitzerin Ester über ihre gewalttätige Beziehung spricht, ist mir nachhaltig im Gedächtnis geblieben. Auch wenn es nur eine kleine Szene ist, vermittelt der Dialog etwas sehr Persönliches und Emotionales.

(Juva ) “Nein, ich denke, du bist nicht der Typ, um… geschlagen zu werden?”
(Ester) “Mein Mädchen, niemand ist der Typ, um geschlagen zu werden! Ich bin nie Opfer gewesen, nicht einmal, als ich zwanzig war. Ich dachte, ich wäre stark genug, um mit einem schwierigen Mann zu leben. Dann habe ich allmählich vergessen, wie das ist, geliebt zu werden. Die Zeit hat die Schwelle abgesenkt, bis sie für ihn niedrig genug war.”
(S. 253)

Es sind genau jene Details, die ich an Siris Werken so sehr mag und die für mich den Unterschied zwischen einer “guten Fantasy-Saga” und einer “grandiosen Fantasy-Saga” machen. Pettersen schafft es, selbst in scheinbar trivialen Szenen etwas so wichtiges zu vermitteln und reale und nachvollziehbare Ängste und Probleme in einem Fantasyroman zu thematisieren. 

Zu den weiteren Charakteren könnte ich hier vermutlich auch noch ganze Aufsätze schreiben, aber da diese Rezension ohnehin jegleichen Rahmen sprengt und es vermutlich niemand liest, belasse ich es dabei. 😅

Sprachliche Einordnung

Sprachlich hat Pettersen, und natürlich auch die deutschen Übersetzerinnen Dagmar Mißfeldt und Dagmar Lendt, wieder ihr Können gezeigt: eine ausgewogene Mischung aus Hypo- und Parataxen (Haupt- und Nebensatzkonstruktionen), die dem Geschriebenen einen leicht poetischen und High-Fantasy-typischen Touch verleihen, ohne unnötig den Lesefluß zu behindern. Dadurch lässt sich Eisenwolf gut lesen und ist recht leicht verständlich. 

Was bleibt noch zu sagen, außer: Leseempfehlung?

Ich glaube, die größte Angst von Autor:innen ist, dass ihre Folgeromane immer mit den Erstveröffentlichungen verglichen werden, sofern diese besonders erfolgreich waren. Und auch wenn ich gern sagen würde, ich könnte mich davon distanzieren, die Vardari-Reihe mit den Rabenringen zu vergleichen, trifft das leider nicht ganz zu. 😄 Shame. Eisenwolf ist ganz anders und doch merkt man, dass es aus der Feder von Siri Pettersen stammt. Auch wenn es mir nicht ganz so gut wie die Rabenringe gefallen hat (RIME ULTRAS 4EVER!! 😄) , finde ich auch Eisenwolf sehr gut und würde es Fantasy-Liebhabern empfehlen. Eisenwolf ist rauh, düster, facettenreich und ein bisschen dreckig – als würde man beim Lesen förmlich selbst das Wolfsblut an sich kleben spüren. 

Je länger ich sogar darüber nachdenke, desto mehr mag ich es. Das Gefühl habe ich generell bei Pettersens Büchern: die Geschichten klingen nach. Ich bin sehr gespannt, wo die Reise der Vardari-Reihe uns hinführt.

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